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Dr. Thilo Sarrazin

Ein Schwank aus der Schublade der "Rechtspopulisten"

Kaum eine öffentliche Person polarisierte in den vergangenen Jahren so sehr wie Dr. Thilo Sarrazin. Es vergeht kaum ein Tag ohne neue Thesen und Zitate des Bundesbank-Vorstandsmitgliedes. Und dann taucht immer wieder diese Bezeichnung auf - "Rechtspopulist". Doch was genau ist eigentlich ein "Rechtspopulist"? Vor Sarrazin wurden schon einige Personen des öffentlichen Lebens in diese Schublade gesteckt. So zum Beispiel Ronald Schill ("Richter Gnadenlos") oder auch Jörg Haider (Gründer des "Bündnis Zukunft Österreich"). Beschäftigt man sich auch mit deren Thesen fällt auf, dass auch diese Personen ähnliche Forderungen vertraten, die sie mit ähnlich polemischen Parolen äußerten. Doch die "Rechtspopulisten" eint auch die Forderung nach stärkerer Integration der Immigranten. Von einer generellen "Ausländerfeindlichkeit" kann also keine Rede sein. Vielmehr wird gefordert, was für den Großteil der in Deutschland geborenen und lebenden Immigranten selbstverständlich ist - umfängliche Integration.

Kurios wird die Situation, wenn auch Moslems (immer wieder Ziel der "Rechtspopulisten") und Immigranten Sarrazin's Thesen unterstützen. In meinem Bekannten- und Freundeskreis finden sich einige Exemplare dieser Spezies. Dann werden die Opfer zu Tätern und aus einem Ägypter, einem Iraner oder einem Türken ein "Rechtspopulist". Ist das nicht ein Paradoxon? Ein "Rechtspopulist" ist am Ende also eine Person, die die tabuisierte Meinung der Mehrheit vertritt und er muss weder Christ, noch Europäer, noch hellhäutig sein - für einen "Rechtspopulisten" gibt es am Ende kein Raster - sie sind unter uns und haben unser Land längst wie Fleischmarmorierungen durchzogen. Da ich ebenfalls mit dem Großteil der "rechtspopulistischen" Thesen übereinstimme, bin am Ende auch ich selbst ein "Rechtspopulist". Schon ein komisches Gefühl...

Der Buchautor und Journalist Henryk M. Broder sorgte 2006 mit seinem Buch " Hurra; wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken" ( ISBN 393798920X) für großes Aufsehen. Hier thematisierte er die Konsequenzen der " Mohammed-Karikaturen" und die Tatsache, dass viele Medien sich von den Drohungen der fundamentalen Islamisten einschüchtern ließen. Doch das Buch ist auch im Bezug auf den Umgang mit Immigranten ein interessanter Stoff. Im Buch stellt er die provozierende Frage, "ob Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz die richtigen Mittel im Umgang mit Kulturen sind, die sich ihrerseits respektlos..." verhielten.

Momentan überschlagen sich die Umfragen, die "das Volk" zu den Sarrazin-Thesen befragen. Bei den BILD-Lesern hat er einen Rückhalt von über 90 Prozent. Doch auch das renommierte Emnid-Institut fragte "das Volk" und unterschied hier zwischen den einzelnen Partei-Anhängern. Dabei gab es erstaunliche Ergebnisse. So waren stattliche 55 Prozent DER LINKEN für Sarrazin. Nur bei den Grünen gab es deutliche Gegenstimmen. Alle anderen Parteianhänger schlossen sich Sarrazin an. Man darf also sicher (ohne "Rechtspopulist" zu sein) die Frage stellen, ob Sarrazin nicht doch "die Stimme des Volkes" vertritt. Und schnell kommt man dann auch zu der Frage, ob in einer traditionellen Demokratie der Volksentscheid nicht geradezu selbstverständlich wäre. Denn die "Stimme des Volkes" ist unbeeinflusst von Lobbyisten oder wirtschaftlichen Interessen. Die "Stimme des Volkes" ist im besten Fall unbestechlich, was für ein von der Wirtschaft regiertes Land natürlich eine grauenhafte Vorstellung zu sein scheint...

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Abgelegt unter: Politisch, In Gedanken, Kurios

2 Kommentare

Der Glaube an das Volk

Von Hannes Lambert am Mittwoch, 01. September 2010 12:45:35

Man würde das Volk ja auch nicht fragen "Wollen Sie Steuern zahlen"? EHer würde man das Volk fragen: "Sind Sie für oder gegen das Projekt "Stuttgart 21"? Oder man würde fragen: "Welchen der vorgeschlagenen Kandidaten wollen Sie zum Bundespräsidenten wählen?". Es gibt einfach Entscheidungen, die das Volk treffen MUSS. Dazu gehören Dinge, die ein Volk auch entscheiden kann. Und im Falle von innenpolitischen Themen hat ein Volk durchaus eine kontroverse Meinung. Die Beeinflussung von Medien wird es selbstverständlich immer geben - das ist heute aber nicht anders. Doch auch da gibt es Maßnahmen, die ja zum Beispiel auch jetzt schon die Ausstrahlung von Wahlwerbespots regeln.

Es wäre also möglich - ohne Frage.

Zu schnell gedacht

Von Volksmitglied am Mittwoch, 01. September 2010 12:12:08

Die Stimme des Volkes ist zwar schön und gut, aber das Volk ist auch stets unmündig. Wenn's nach dem Volk ginge, dann würden wir alle keine Steuer zahlen und trotzdem wohlhabenden Staat haben. Das Volk denkt meist nicht über den Tellerrand hinaus. Konsequenzen zu erkennen bedeutet, bewusst und emotionslos über Sachverhalte nachzudenken. Und wer kann schon bei "heiklen" Themen emotions- und reflexfrei bleiben?