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La Racine, 1742

Eine Woche im 18. Jahrhundert

Wenige Jahrzehnte vor der französischen Revolution wurde in den Süd-Vogesen ein Bauernhaus gebaut. Und würde dieses Bauernhaus nicht seit bald 20 Jahren meinem Vater gehören, käme dieser Umstand wohl einem umfallenden Sack Reis in Fernost gleich. Zum inzwischen zweiten Mal machten wir nun Urlaub in "La Racine" ("Die Wurzel"). Wie passend dieser Name doch ist, sollte ich im Laufe unseres Urlaubes noch erfahren... Mein Vater lebt dort als eine Art "Aussteiger" zusammen mit Tieren, Pflanzen und sehr wenig Nachbarn. "Eigentlich wie vor 60 Jahren", beschreibt er selbst seine Situation. Strom, Telefon, Gas und fließendes Wasser (köstliches Quellwasser!) sind zwar vorhanden, ansonsten erinnert aber wenig an die Gegenwart. Kommerzieller Materialismus als Strudel, in dem wir uns befinden ist ihm fern. Und so "weltfremd" diese Idee im ersten Moment wirken mag - wirklich frei ist vielleicht nur er. Er sieht keine Werbung und ist damit nicht beeinflusst von den alltäglichen Versuchungen. Er muss nicht auf dem technischen neusten Stand bleiben, denn sein Stand ist zum Teil mehrere Jahrzehnte alt. Mails liest er beim Nachbarn, wenn er Lust und Zeit hat - nicht etwas täglich, wie es bei uns inzwischen der Fall ist. Doch für die "Zivilisation" ist eigentlich er gefangen in der Einsamkeit und Vergangenheit. Doch im Grunde sind wir es, die gefangen sind - eine Erkenntnis, die zwar schwer fällt, jedoch unheimlich befreit, wenn man sich ihr hingibt.

Mit einem 1968 erbauten Fendt S3 bewirtschaftet er sein mehrere Hektar großes Land und schreckt dabei vor nahezu keiner Aufgabe zurück. Wenn er einen Baggersee haben möchte, baut er sich einen... Wenn der Sturm eine Fichte auf dem Gewissen hat, bekämpft er die Massen an Stamm, Ästen und Krone eben kurzerhand selbst. In anderen Teilen der Welt braucht es alleine hierfür eine Truppe von Waldarbeitern - wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, glaubt es nicht! Zum Frühstück nimmt er drei kleine, dünn bestrichene Scheiben Baguette und eine Tasse Karo-Kaffee zu sich, um anschließend im Wald sieben Döner und ein halbes Schwein auf Toast zu verbrennen - woher nimmt man diese Energie?!?

Apropos Energie. Bei unseren Ausflugsfahrten in die nähere Umgebung sahen wir reichlich Radfahrer, die gute 1000 Höhenmeter mit ihrem Rad nach OBEN fuhren, obwohl sie auch den Bus hätten nehmen können. Hallo? Weich? Wieso tut man  bei sommerlichen Temperaturen solch einen Unsinn? Zumal sie gegen Ende ihres Selbstmordversuches wirklich fertig aussahen - soweit ich das aus dem klimatisierten Wagen beurteilen konnte..... Und ständig dachte ich an Churchill, der mit dem Zitat "Sport ist Mord" irgendwie mehr meinen Nerv traf.

Doch zurück zum Thema Wurzel... Wo nun der "starke Sohn" aus Hannover schon da ist, kann man ihn ja gleich zur Waldarbeit einspannen - dachte sich mein Vater. Dabei hätte er wissen müssen, dass ich zwar mit reichlich Kreativität, nicht aber mit handwerklichem Geschick gesegnet bin. Und so endete mein "Waldarbeiter-Praktikum" (Disziplinen: Äste entzweigen, Zweige häufen, Haufen verbrennen, Äste zuschneiden und sortieren, 1-Meter-Stämme spalten und schichten, usw.) mit Muskelschmerzen und vollkommener Kraftlosigkeit... Kurzerhand teilte mich mein Vater anschließend an der Kreissäge ein. Nun sollte ich, nach Augenmaß, lange Äste in 50-Zentimeter-Stücke zersägen. Manche waren 40, andere dafür 70... - mein Vater reagierte tolerant aber zunehmend entsetzt ;) Meine letzte Chance: Die Wurzel! Die Situation: Neben der im Sturm gefallenen Fichtenwurzel wuchs eine Birke, die aufgrund des Sturmes nun in einem 50°-Winkel zum Boden "hing"... Mein Vater wollte diese noch lebende Birke wieder aufrichten - so weit, so gut... Während mein Vater die Fichte an seinen Traktor seilte, machte ich mich als Assistent nun recht gut. Doch der Baum wollte nicht so, wie wir es gerne gehabt hätten. Grund war ein riesiger Findling, der seitlich auf der Wurzel lag. Nun musste also der erst weg... Es wurde ein Balken geholt, dieser unter dem Findling angesetzt und ich versuchte nun, mein Gewicht an den Balken zu hängen. Der Findling bewegte sich, während ich wie ein Klammeraffe am Balken hing. Die unter mir stehende Leiter war plötzlich weg und ich viel mit meinem vollen Lebendgewicht gen Waldboden. Noch heute zeugen mehrere blaue Flecken von diesem Erlebnis. Fazit der kompletten Aktion: Nach mehreren Stunden war der Winkel der Birke noch der selbe wie vor dem Vorhaben - nur war ich farblich inzwischen deutlich weiter vorn. Mein Bedarf an Waldarbeiten ist vorerst gedeckt.

Doch diese schmerzhaften Erlebnisse können nicht darüber hinwegtäuschen, dass unser Urlaub in "La Racine" ein Weiteres Mal etwas ganz Besonderes war. Wann macht man schon Urlaub in der Vergangenheit - und damit letztendlich auch in der wahren Freiheit?

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