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Tschö, Herr Papst!

"Sag beim Abschied leise Servus"

Der letzte Abend, die letzte Nacht. Wenn mich morgen die ersten Sonnstrahlen wecken werden, bin ich endlich auch offiziell "ohne Glauben". Seit Jahren schleppe ich den Kirchenaustritt vor mir herum. Dabei stand der Entschuluss schon fest, als ich 17 Jahre alt war und eine ordentliche Diskussion mit meiner damaligen Religionslehrerin anfing. Mir brannten damals Fragen auf der Seele. Fragen, die sie mir mit im Lehrbuch stehenden Floskeln beantwortete und mich dann vor die Tür schickte. Überzeugung erfordert Argumente - diese fehlten. Da mir das Thema "Religion" schon immer suspekt war, traute ich "dem Braten" schon damals nicht mehr. Doch immer wieder tauchte dieses "römisch-katholisch" auf. Und bei jeder verbalen Bestätigung hatte ich dieses komische Gefühl: "Richtig, da war ja noch etwas!".

Die letzte ausgiebige Diskussion zu diesem Thema hatte ich im Jahr 2008 mit einem Gitarristen meiner Band. Er konnte meinen schon damals geplanten Austritt nicht nachvollziehen und argumentierte sinngemäß: "Die Kirche tut doch auch so viel Gutes? Kindergärten, Seelsorge, Altenheime. Wer austritt, gefährdet auch diese Einrichtungen". Und wirklich. Dieser Argumentation war ich nicht gewachsen. Dagegen konnten meine pädophilen Priester, diese dogmatischen Mittelalter-Ansichten und das "gehet hin und vermehret Euch" nicht anstinken. Wer will schon aktiv den Kleinen, Alten und Schwachen seine Hilfe verwehren? Und so geriet das Thema ein weiteres Mal in Vergessenheit.

Ende 2009 geriet die Kirche dann in ihre bisher wohl schwerste Krise. Die Welle der Missbrauchsfälle türmte sich zu einem kolossalen Dielämmer auf und drohte, die Kirche unter sich zu begraben. Und wieder hatte ich dieses unterschwellige Gefühl, die Taten dieser Priester mit meiner monatlichen, aber unfreiwilligen "Spende" quasi zu legitimieren. Schauderhafter Gedanke! Doch was ist mit den Alten, den Kranken, den Kindern?

Das Thema beschäftigte mich - nun wollte ich eine eigene Legitimation... Nach langer Recherche im Netz stieß ich auf eine Vielzahl an Informationen, die mein "schlechtes Austrittsgewissen" schlagartig minderten. Die Kirche wird jährlich mit mehreren Milliarden Euro staatlich subventioniert. Diese Summe zahlen ALLE Steuerzahler. Kirchliche Sozialeinrichtungen der Diakonie und Caritas werden zu 90% vom Staat getragen und somit nur zu einem sehr geringen Teil von den Kirchen selbst. Hinzu kommt (selbstverständlich) die vom Staat eingezogene Kirchensteuer. Diese beläuft sich auf weitere rund 9 Milliarden Euro. Schlechtes Gewissen? Nicht mehr!

Solange Papst Benedikt XVI. auf Marmorböden und in roten Samt gekleidet, mit sanftem Lächeln durch seinen 15.000 Quadratmeter großen Petersdom schreiten kann, während der überwiegende Teil seiner Mitglieder nicht genügend Nahrung hat, geht es der katholischen (und sicher auch der evangelischen) Kirche noch lange nicht schlecht genug, um in mir ein schlechtes Gewissen auslösen zu können. Sollten sich diese Umstände jedoch während meiner Lebenszeit dramatisch verschlechtern, werde ich der Erste sein, der voller Reuhe zu "seiner" Kirche zurückkehrt, um ihr finanziell wieder unter die Arme zu greifen. Bis dahin möchte ich mich mit Peter Alexander von den Kirchen dieser Welt verabschieden: "Sag' zum Abschied leise Servus"...

Reinhard Mey - Ich glaube nicht
Udo Jürgens & Xavier Naidoo - Ich glaube